Pseudowissenschaften

Udo Kelter
Pseudowissenschaften
(Stand: 2024-01-07)


Zusammenfassung und Überblick

Es besteht Konsens darüber, daß Pseudowissenschaften wie die Astrologie keinen Anspruch auf Schutz im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit haben. Diese grundsätzliche Entscheidung führt zu dem Problem, schutzwürdige Wissenschaft von nicht schutzwürdiger Un- bzw. Nicht-Wissenschaft zu unterscheiden. Man kann mehrere Typen von Nicht-Wissenschaft unterscheiden, von denen die meisten in diesem Kontext uninteressant sind. Der wichtigste verbleibende Typ sind Pseudowissenschaften. Diese bezeichnet man häufig als Methoden der Wissensgewinnung, die vorgeben, wissenschaftlich zu sein, es aber nicht wirklich sind. Diese plausibel scheinende Definition verlagert das Problem aber nur auf die Definition von "wissenschaftlich". Nach Definitionen hierfür kann man in der juristischen und der philosophischen Literatur suchen.
Aus der juristischen Perspektive kann ein liberaler Staat gerade nicht definieren, was "wissenschaftlich" ist, er kann nur auf "die Wissenschaft" verweisen. Aus dieser Perspektive ist es ferner wesentlich, einfache und im Alltag handhabbare Kriterien zu haben, mit denen Streitfälle entschieden werden können, und die Abwägung anderer Rechtsgüter spielt eine große Rolle.
Aus der philosophischen Perspektive hat die Definition von "wissenschaftlich" eine viel grundsätzlichere Bedeutung, weil sie untrennbar verbunden ist der Definition von "Wahrheit": Wissenschaft hat den Anspruch, nichttriviale, "wahre" Erkenntnisse zu gewinnen. Dementsprechend gibt es viele philosophische Abhandlungen zur Unterscheidung von Wissenschaft und Nicht- bzw. Pseudowissenschaft, dem sogenannten Demarkationsproblem. Die hier entwickelten Kriterien sind sehr heterogen und oft inkompatibel mit den eher pragmatischen juristischen Herangehensweisen.
Um aus diesem Fundus die richtige Auswahl treffen zu können, muß man sich die Randbedingungen klar machen, unter denen man die Definitionen benutzen will. Daher starten wir diesen Text mit einer Analyse, welche Arten von Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch Pseudowissenschaften praktisch vorkommen und relevant sind.


  1. Zusammenfassung und Überblick
  2. Arten von Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch Pseudowissenschaften
  3. Nicht-Wissenschaft
  4. Juristische Perspektive
  5. Das Demarkationsproblem der Philosophie
  6. Vertrauenswürdigkeit und Falsifizierung von Aussagen
  7. Indizien für (Un-) Wissenschaftlichkeit
  8. Fallstudien und detaillierte Merkmale von Pseudowissenschaften
  9. Anmerkungen

Arten von Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch Pseudowissenschaften

Die Schutzwirkung der Wissenschaftsfreiheit kann für die Astrologie, die Homöopathie, den Kreationismus und ähnliche "Wissenschaften", die man als Pseudowissenschaften oder Scheinwissenschaften bezeichnet, nicht in Anspruch genommen werden, auch wenn sie sich einen Habitus von Wissenschaftlichkeit zulegen. Eine genaue Abgrenzung von Pseudowissenschaften ist schwierig bis unmöglich, für eine erste Einordnung aber auch nicht erforderlich. Eines der Hauptmerkmale von Pseudowissenschaften besteht darin, daß ihre Erkenntnisse unübersehbar falsch oder zumindest höchst unzuverlässig sind. Dies ist bei den obigen Beispielen besonders offensichtlich.

Daher herrscht Konsens bzgl. der prinzipiellen Entscheidung, Pseudowissenschaften nicht zu schützen. Diese prinzipielle Entscheidung setzen wir in diesem Text voraus. Sie sieht selbstverständlich aus, hat erhebliche Konsequenzen, darunter vor allem die Aufgabe, zu definieren, was "Pseudowissenschaft" überhaupt bedeutet.

Schäden durch Pseudowissenschaften treten im Kontext der Wissenschaftsfreiheit potentiell in drei verschiedenen Szenarien auf:

  1. ungerechtfertigte Inanspruchnahme von Schutz: Forderungen von Pseudowissenschaften bzw. von deren Vertretern, die Schutzwirkung der Wissenschaftsfreiheit in Anspruch nehmen zu können, wird man natürlich ablehnen. Ebenso wird man es ablehnen, Verbote von Pseudowissenschaften und ähnliche Vorfälle in die Fallsammlung des Netzwerks (die durch solche Pseudo-Fälle verfälscht würde) aufzunehmen. Die Ablehnungen und die Beschäftigung damit kosten ferner Zeit und Energie.

    Die oben genannten krassen Fälle sind dabei eher uninteressant, weil es dort leicht fällt, eine Ablehnung zu begründen. Entsprechende Forderungen werden in der Praxis auch nicht gestellt, weil aussichtslos. Anders ist das bei Grenzfällen, um die es ein nicht konvergierendes, zeitraubendes Gezerre geben kann.

    Geschädigt werden hier i.w. nur Organisationen wie z.B. das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dort insb. die Betreuer der Fallsammlung.

  2. Desinformation der öffentlichen Debatten: Wie schon erwähnt waren und sind die Erkenntnisse von Pseudowissenschaften wahrscheinlich oder sicher falsch und werden es auch in Zukunft sein. Solche "Fakten" als unangreifbare Basis von politischen Debatten zu verwenden, leitet diese fehl und widerspricht diametral dem Nützlichkeitsargument der Wissenschaftsfreiheit.

    Es liegt nahe, aus dieser Sinngebung abzuleiten, daß man im Namen der Wissenschaftsfreiheit aktiv die Entstehung und Verbreitung von Pseudowissenschaften bekämpfen sollte(1). Wegen der Abgrenzungsprobleme wäre das Risiko indes groß, versehentlich noch vertretbare Wissenschaft zu schädigen, d.h. diese Haltung käme höchstens bei eindeutig erkennbaren, großen Schäden und einer zweifelsfreien Klassifizierung als Pseudowissenschaft infrage.

  3. "aggressive" Pseudowissenschaften: Manche Pseudowissenschaften produzieren nicht nur falsche Aussagen (ggf. zu Fragen, die sonst niemand stellt), sondern leugnen die Erkenntnisse anderer (valider) Wissenschaften im gleichen Themengebiet und greifen die validen Wissenschaften bzw. entsprechende Wissenschaftler direkt an(2). Abhängig vom Ausmaß dieser Angriffe, die von den Vertretern einer Pseudowissenschaft ausgehen, kann eine Pseudowissenschaft eine Behinderung von betroffenen seriösen Wissenschaften darstellen. Aktuelle Beispiele sind die Angriffe von Transaktivisten auf Biologen und die Angriffe von Islamisten auf Islam- und Migrationsforscher.

    Es ist nicht immer klar, ob die Pseudowissenschaft Ursache für die Aggressionen (im Sinne einer geistigen Brandstiftung) ist oder ob die Aggressionen sowieso vorhanden sind und durch die Pseudowissenschaft eine rationale Fassade bekommen sollen. So oder so hat die Pseudowissenschaft zumindest einen wesentlichen Anteil an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Aggressionen.

Alle drei Arten von Schäden können auch gleichzeitig auftreten. Jeden der Schadenstypen kann man aus zwei Perspektiven diskutieren: einer juristischen und einer politischen. Die juristische Perspektive lotet aus, inwieweit das Grundrecht justiziabel ist, also welche Ansprüche auch gerichtlich durchgesetzt werden können. Damit werden aber nur Schranken gegen grobe Verstöße errichtet.

Die politische Perspektive ist umfassender und muß auch nicht justiziable Bedrohungen in den Blick nehmen. Wie alle Freiheitsrechte muß auch die Wissenschaftsfreiheit inhaltlich von den Bürgern verstanden worden sein und im Bedarfsfall "praktiziert" werden.

Nicht-Wissenschaft

Bei allen Szenarien und Perspektiven steht man vor dem Problem, Wissenschaft von Nicht- oder Un-Wissenschaft zu unterscheiden. Wenn man etwas negiert, muß man zwei Dinge klarstellen: (a) die Merkmale des nicht negierten, hier also die Merkmale von Wissenschaft(lichkeit): hierauf gehen wir später detaillierter ein und vertrauen vorerst auf ein intuitives Verständnis, (b) die Gesamtmenge, aus der "alles andere" stammt. Jogging ist z.B. keine Wissenschaft, wird aber auch nicht als Pseudowissenschaft verstanden. Als Gesamtmenge aller Phänomene, die uns hier interessieren, wählen wir alle Formen der Gewinnung und Verbreitung von Erkenntnissen. Mit dieser Eingrenzung kann man folgende nicht wissenschaftliche Formen der Erkenntnisgewinnung unterscheiden:

Juristische Perspektive

Die Wahrheitsabstinenz des Staates

Sofern man Wissenschaftsfreiheit als juristisches Konzept versteht, liegt es nahe, vom Gesetzgeber zu verlangen, "Wissenschaft" zu definieren und dadurch zumindest implizit auch "Pseudowissenschaft" als deren ungefähre Negation. Im berühmten Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 29.05.1973 (BVerfG (1973)) finden sich folgende Textpassagen, die "Wissenschaft" charakterisieren:
(C II 1.) Das in Art. 5 Abs. 3 GG enthaltene Freiheitsrecht schützt als Abwehrrecht die wissenschaftliche Betätigung gegen staatliche Eingriffe und steht jedem zu, der wissenschaftlich tätig ist oder tätig werden will. ... Jeder, der in Wissenschaft, Forschung und Lehre tätig ist, hat ... ein Recht auf Abwehr jeder staatlichen Einwirkung auf den Prozeß der Gewinnung und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse. .... Forschung als "die geistige Tätigkeit mit dem Ziele, in methodischer, systematischer und nachprüfbarer Weise neue Erkenntnisse zu gewinnen"
Die Attribute "methodisch, systematisch und nachprüfbar" beziehen sich deutlich auf die Wissenschaftstheorie einer Wissenschaft, die sozusagen die Qualität des Wissens sicherstellt. Das Urteil enthält ferner die Passage(6):
(C. II.) [Die] Freiheitsgarantie [von Art. 5 Abs. 3 GG] erstreckt sich vielmehr auf jede wissenschaftliche Tätigkeit, d.h. auf alles, was nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist.
Wenn man genau hinsieht, bemerkt man hier einen erheblichen Wechsel des Kriteriums für Wissenschaft: in der ersten Textstelle war es die Wissenschaftstheorie bzw. die Qualität der Begründung der Erkenntnisse, in der zweiten Textstelle ist es die verfolgte Absicht, nämlich "die Wahrheit" zu finden.

"Wahrheit" ist ein schwer einzugrenzendes philosophisches Konzept. Eine Wettervorhersage für die nächsten 7 Tage wird zwar nach gängiger Auffassung mit wissenschaftlichen Methoden ermittelt, ist aber trotzdem keine "Wahrheit". Die Wahrheit ermitteln auch bestimmte seriöse Formen von Nichtwissenschaft, z.B. journalistische Recherchen, die sind aber keine wissenschaftlich anerkannte Methode, zudem sind die Erkenntnisse oft "triviale" Fakten ("Verkehrsunfall mit 2 Verletzten auf der B9").

Selbst wenn man unter "Wahrheit" nur nichttriviale korrekte Aussagen versteht, scheitert der Versuch, Wissenschaft von Un- oder Pseudowissenschaft daran zu unterscheiden, ob deren Aussagen wahr oder falsch sind. Der Staat (oder die Instanz, die den Schutz der Wissenschaftsfreiheit realisiert, letztlich also die Juristenzunft) kann grundsätzlich nicht selber entscheiden, ob die Aussagen oder die Methoden einer Wissenschaft richtig oder falsch sind. Gärditz bezeichnet dies als Wahrheitsabstinenz in dem Sinne, daß der Staat "wissenschaftliche Richtigkeit nicht verbindlich bewerten, insbesondere nicht politisch-voluntativ festlegen" kann(7).

Wir stehen also vor dem Dilemma, daß man die Entstehung und Verbreitung von unrichtigen Aussagen verhindern, jedenfalls nicht schützen will. Der Staat kann aber nicht entscheiden, und in einer liberalen Demokratie darf er auch nicht entscheiden, welche Aussagen unrichtig sind. Dieses Dilemma ist unabhängig davon, ob die Wissenschaftsfreiheit gesetzlich geschützt wird oder nicht. Es entsteht immer dann, wenn eine selber nicht wissenschaftlich qualifizierte Öffentlichkeit ("Laien") über die angeblich wissenschaftlich nachgewiesene Korrektheit von Behauptungen oder die Wissenschaftlichkeit von Forschungsgebieten entscheiden muß.

Konsequenzen der Nützlichkeitserwartung

Vor allem dann, wenn die Wissenschaftsfreiheit als Grundrecht geschützt wird, liegt i.d.R. eine Nützlichkeitserwartung vor: Das Wissenschaftssystem soll Erkenntnisse ("Fakten") ermitteln, die deutlich vertrauenswürdiger als Alltagswissen sind.

Demokratische Debatten drehen sich in der Regel um Interessenkonflikte und unterschiedliche subjektive Wertungen und werden letztlich durch Mehrheiten entschieden, z.B. den Mindestlohn um 1 Euro zu erhöhen. Man kann aber nicht mehrheitlich entscheiden, daß die Klimaveränderungen morgen früh aufhören oder daß 2 + 2 = 5 ist. Es gibt also Realitäten, die nicht zur Disposition von Mehrheitsentscheidungen stehen(8) und über die zu diskutieren sinnlos ist. Der Nutzen der Wissenschaft liegt darin, sinnlose Debatten zu verhindern und generell die inhaltliche Qualität politischer Debatten verbessern. Dies stellt ein wichtiges Staatsziel dar.

Sofern wissenschaftliche Erkenntnisse nicht über jede Zweifel erhaben sind, sondern man sie seriös bezweifeln kann und sie eher eine Meinung unter vielen darstellen, die besser als üblich fundiert ist, entlasten sie die politischen Debatten nicht, sie nützen also effektiv nichts. Sie stellen den auch privilegierten Status infrage, den man Wissenschaftlern in den Debatten einräumen soll.

Das Demarkationsproblem der Philosophie

Die Unterscheidung von wirklichen Wissenschaften und Unwissenschaftlichkeit bzw. Pseudowissenschaften ist ein klassisches Thema der Philosophie, es wird dort als Demarkationsproblem oder Abgrenzungsproblem bezeichnet(9). Die dortigen Versuche, ein Kriterium oder eine Kombination von Kriterien zu finden, mit denen man Pseudowissenschaften eingrenzen kann, waren jahrzehntelang erfolglos. Dies überrascht nicht, denn dieses Problem ist mehr oder weniger identisch mit der komplementären Frage, was "echte" Wissenschaft ist. In allen vier Bedeutungsdimensionen von "Wissenschaft" kann man Negationen der positiven Merkmale bzw. Indizien für Wissenschaftlichkeit bilden. Die Negativmerkmale treten wiederum oft zusammenhängend auf.

Man muß sich daher letztlich in einem gewissen Rahmen frei entscheiden, was man unter Pseudowissenschaft verstehen will, vor allem in Abgrenzung zu diversen Formen von Nichtwissenschaft oder schlechter Wissenschaft. Laudan (1983) faßte den Frust, keine konsensfähige Definition von Pseudowissenschaft gefunden zu haben, dahingehend zusammen, daß er das Problem als nicht lösbar und die Beschäftigung damit als Zeitverschwendung bezeichnete(10). Erst rund eine Generation später kam z.B. mit Mahner (2007) oder der Monographie Pigliucci (2013) wieder Leben in die Debatte.

Eine Übersicht über den aktuellen Stand und die konkurrierenden Abgrenzungskriterien liefert Hansson (2021). Eine überraschende Beobachtung ist, daß die vorgeschlagenen Abgrenzungskriterien und damit die konzeptuelle Definition, was Pseudowissenschaft ist, äußerst verschieden sind, daß deren praktische Anwendung aber fast immer die gleichen Pseudowissenschaften identifiziert(11). Einer der Streitpunkte ist, ob ein einziges Kriterium ausreicht (bzw. nur eines benutzt werden darf) oder mehrere verwendet werden sollen, bei denen man sich wiederum streiten kann, ob es "muß"-Kriterien sind oder nur starke Indizien. Hansson (2021) listet nicht weniger als 14 Publikationen im Zeitraum von 1953 bis 2007 auf, die unterschiedliche Listen von Kriterien vorschlagen. Hinzu kommt aus praktischer Sicht die Frage, ob man die vorgeschlagenen Kriterien hinreichend präzise "vermessen" kann.

Ein großer Teil der philosophischen Literatur, die dem Thema Nicht- bzw. Pseudowissenschaften zugeordnet wird, ist für das Thema dieses Papier wenig brauchbar, weil es tatsächlich um die Abgrenzung von Naturwissenschaften oder ggf. allgemeiner von empirischen Wissenschaften gegenüber allen anderen Wissenschaften, vor allem den den Formal- und Geisteswissenschaften, geht. Die Unterscheidung zwischen diesen großen Wissenschaftsbereichen ist für uns nur insofern relevant, als in jedem Bereich andere Voraussetzungen für die Unterscheidung von Wissenschaftlichkeit und Nichtwissenschaftlichkeit vorliegen und die Unterscheidung einfacher bzw. schwieriger ist.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die philosophische Behandlung des Themas sich darauf konzentriert, eine möglichst präzise, umfassende Definition des Begriffs Pseudowissenschaft zu finden. Im Kontext der Wissenschaftsfreiheit liegen wesentlich andere Ziele und Randbedingungen vor, unter denen man den Begriff benutzt, primär die einleitend genannten Szenarien. Nichtsdestotrotz können die in der Philosophie entwickelten Begriffe und die Kriterien für Pseudowissenschaften vielfach im Kontext der Wissenschaftsfreiheit weiterverwendet werden.

Aus einer pragmatischen Sicht spielt dabei auch eine Rolle, in welchen Themengebieten häufig genug Pseudowissenschaften in Sinne der einleitend genannten Bedrohungen auftreten.

Vertrauenswürdigkeit und Falsifizierung von Aussagen

Wissenschaften bzw. Pseudowissenschaften kann man so charakterisieren, daß ihre bisherigen und zu erwartenden Aussagen mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig bzw. falsch sind. Wenn man also etwas als Wissenschaft bzw. Pseudowissenschaft klassifiziert, sagt man damit implizit auch etwas über den Wahrheitsgehalt der zugehörigen Aussagen aus und benötigt ein Begriffsgerüst, um über die Wahrheit von Aussagen reden zu können. In einem defensiven Sinn will man sich vor falschen Aussagen schützen, sie also als falsch oder zumindest nicht vertrauenswürdig erkennen. Letzteres ist informell mit "falsifizieren" gemeint.

Bei dem gesuchten Begriffsgerüst muß man sich entscheiden, ob Konzepte wie "Wahrheit" und "Wissenschaftlichkeit" universell für alle Themengebiete einheitlich oder domänenspezifisch sind. In vielen Ansätzen zur Definition von Wissenschaftlichkeit wird dies nicht thematisiert, weil man implizit nur für einen Themenbereich anwendbar ist(12). Wir verwenden i.f. domänenspezifische Definitionen(13). Es wird auch klar werden, daß es keine tragfähigen einheitlichen Definitionen für die verschiedenen Wissenschaftsbereiche geben kann.

Die Falsifizierung von Aussagen ist generell von Interesse, im Kontext der Wissenschaftsfreiheit vor allem die Falsifizierung von Aussagen durch Laien, denn letztlich müssen Laien darüber entscheiden, ob (angebliche) Wissenschaftler die Schutzrechte der Wissenschaftsfreiheit beanspruchen können.

Man kann die Wissenschaften hinsichtlich der Struktur ihrer Aussagen und damit zusammenhängend der Falsifizierbarkeit ihrer Aussagen grob in mehrere Bereiche einteilen, in denen die gemeinsamen Anteile der Methoden der Falsifizierung relativ groß sind:
(1) Formalwissenschaften, die formale, abstrakte Objekte untersuchen,
(2) empirische Wissenschaften, die eine vorhandene Realität und deren Mechanismen untersuchen,
(3) Kulturwissenschaften, die menschenbezogene Artefakte und Verhältnisse und deren Entstehung untersuchen,
(4) angewandte Wissenschaften, insb. Konstruktionswissenschaften, die Methoden der Konstruktion von Systemen entwickeln.

Diese Bereiche haben wegen ihrer kategoriell verschiedenen Untersuchungsgegenstände auch grundlegend verschiedene Typen von Aussagen und zugehörige Wahrheitsbegriffe(14). Dementsprechend verschieden sind die Möglichkeiten, Aussagen, ggf. auch durch Laien, zu falsifizieren.

Formalwissenschaften

Die wichtigste Formalwissenschaft ist die Mathematik(15), ferner die theoretische Informatik. Gegenstandsbereich (bzw. die Objektebene) sind Aussagen über Mengen, Zahlen und weitere mathematische Objekte sowie über Algorithmen. Diese Gegenstände sind nicht real, sondern abstrakte Konstrukte, darunter in der Realität nicht mögliche Dinge wie unendliche Mengen oder Mengen, die sich selber als Element enthalten. Sowohl die Objekte, über die Aussagen gemacht werden, als auch die Aussagen selber sind grundsätzlich formal definiert. Viele Aussagen sind zwar als Prosa formuliert, diese Prosa hat aber (im Gegensatz zu normaler Prosa) ein eindeutige Semantik, es gibt keine Interpretationsspielräume infolge unscharfer Begriffe.

Das Verifizierungssystem der mathematischen Wissenschaftstheorie ist ebenfalls formalisiert. D.h. es gibt bestimmte zulässige Methoden, wie Beweise geführt werden können. Als wahr gelten nur Aussagen, für die es einen fehlerfreien Beweis gibt. Alle anderen Aussagen sind falsch, oder es ist unbekannt, ob sie wahr oder falsch sind. Konzepte wie "plausibel", "wahrscheinlich wahr" oder "bisher nicht widerlegt" für das Ausmaß der Wahrheit einer Aussage gibt es in dieser Denkwelt nicht. Im Gegensatz zu allen anderen Wissenschaften hier liegt ein absoluter Wahrheitsbegriff vor.

Eine (bisher) als wahr geltende Aussage kann auf zwei Arten falsifiziert werden:

  1. Ein Gegenbeispiel wird präsentiert. Dann ist damit zugleich die Negation der Aussage bewiesen. Ferner wird damit gezeigt, daß der bisher anerkannte Beweis dieser Aussage irgendeinen Fehler enthält - die Aussage ist also nicht wissenschaftlich einwandfrei validiert worden und sozusagen ein Produkt schlechter Wissenschaft(16).
  2. In einem bisher als korrekt angesehenen Beweis wird ein Fehler gefunden, dieser Beweis ist also ungültig. Wenn es einen anderen korrekten Beweis gibt, hat dies keine Auswirkungen. Wenn dies der einzige bekannte Beweis war, ändert sich der Wahrheitsstatus der Aussage von "wahr" auf "unbekannt".
Daß Laien Aussagen der Formalwissenschaften falsifizieren können, ist wegen der Alltagsferne der mathematischen Objekte, der Aussagen über diese und der Beweistechniken realistischerweise nicht vorstellbar. Wegen der extrem harten Bedingungen, wann eine Aussage als wahr gilt, ist es auch äußerst unwahrscheinlich, eine falsche Aussage zu finden. Daher ist die Falsifizierung von Aussagen durch Laien hier praktisch gegenstandslos.

Empirische Wissenschaften

Empirische Wissenschaften gewinnen Wissen, in dem sie eine als vorhanden vorausgesetzte Realität beobachten und die Einzelbeobachtungen nach dem Induktionsprinzip zu generellen, abstrahierenden Aussagen verallgemeinern. Diese generellen "Aussagen" werden oft als Modelle(17) (z.B. Bohrsches Atommodell) formuliert. Modelle sind selber Systeme, oft abstrakte, formale Systeme, mit denen prognostiziert werden kann, wie sich die Realität in beliebigen Zuständen aus der untersuchten Domäne verhalten wird.

Genaugenommen muß man die empirischen Wissenschaften noch einmal unterteilen in Disziplinen, die die unbelebte Realität (namentlich Physik und Chemie) bzw. die belebte, menschengemachte Realität (Soziologie, Psychologie) erforschen.

Unbelebte Realität. Die erste Gruppe geht von einigen wichtigen ontologischen Annahmen aus (s. Broad (1949), Mahner2007):

  1. Die Realität ist unabhängig vom Menschen und unabhängig davon, ob Menschen sie kennen und verstehen.
  2. Es gibt keine Geister, Götter oder andere übernatürliche Wesen, die das Verhalten der Realität (je nach Tageslaune) bestimmen und die in einer zweiten, parallelen Realität existieren.
  3. Das Verhalten der Realität folgt bestimmten Regeln ("Gesetzen"(18)), ist also nicht zufällig, sondern reproduzierbar. Es gibt keine Wunder.
  4. Alle Effekte hängen von vorher eingetretenen Ursachen ab. Effekte haben keine Ursachen, die erst nach Eintreten des Effekts entstehen.
  5. Effekte entstehen nicht aus dem Nichts, sondern haben immer eine Ursache.
  6. Es gibt keine Telekinese o.ä., d.h. Menschen können nicht durch ihren Willen oder geistige Vorgänge Effekte in der Realität auslösen.
Belebte Realität. Bei der empirischen Erforschung von Menschen oder sozialen Systemen trifft schon formal die erste obige Annahme nicht zu. Die Soziologie ist bspw. nach ihrem Selbstverständnis ein Teil der Realität und kann die soziale Realität durch ihre Forschungsergebnisse verändern. Bei Wahl-, Konjunktur- und diversen ökonomischen Prognosen ist das besonders offensichtlich.

Auch die 3. Annahme trifft auf Menschen und soziale Systeme nicht uneingeschränkt zu: sie sind lernfähig. Lernende Systeme verändern ihr Verhalten infolge von Lerneffekten, ihr Verhalten ist daher potentiell bei jeder Wiederholung anders, also nicht exakt reproduzierbar. Lernfähig im weiteren Sinn sind auch sehr viele biologische Systeme, z.B. infolge Anpassung durch Evolution. In der belebten Realität kann sich der Untersuchungsgegenstand im Laufe der Zeit so verändern, daß früher gültige Aussagen nicht mehr zutreffen, Aussagen also eine "beschränkte Haltbarkeit" haben. Die menschengemachte Realität ist außerdem weitaus komplexer als die unbelebte, von daher ist es unklar, ob erklärende Modelle alle Einflüsse abbilden und ob man bei einem Replikationsversuch alle relevanten Randbedingungen exakt gleich wiederherstellen kann(19). Im Endeffekt sind Aussagen über die belebte Realität weit weniger zuverlässig als Aussagen über die unbelebte Realität, u.a. weil die oben erwähnten ontologischen Annahmen ggf. nicht zutreffen.

Falsifizierbarkeit. Wissenschaftliche Ergebnisse der empirischen Wissenschaften sind sowohl die dokumentierten Einzelbeobachtungen als auch die daraus abgeleiteten Modelle bzw. verallgemeinerten Aussagen, wobei letztere wesentlich wichtiger sind. Bei beiden sind die Begriffe "wahr" und "falsifiziert" deutlich verschieden.

Vergangene Einzelbeobachtungen können durch fehlerhaft geplante Messungen, Meßfehler, Betrug usw. ungültig sein, was ggf. erst nachträglich erkannt wird und die Einzelbeobachtung falsifiziert, also sozusagen wissenschaftlich ungeschehen macht. Eine Einzelbeobachtung kann entweder technisch fehlerfrei durchgeführt worden sein oder nicht, die Unterscheidung ist i.w. binär. Nicht binär kann der Grad des Vertrauens einer Forschergemeinde sein, daß Einzelbeobachtungen korrekt durchgeführt werden. Der Grad dieses Vertrauens kann durch Replikation von Versuchen erhöht werden, sofern man exakt identische Versuchsbedingungen wiederherstellen kann. Bei vielen physikalischen oder chemischen Effekten, also in der unbelebten Realität, ist dies im Labor möglich.

In der belebten Realität, z.B. der empirischen Sozialforschung oder der Psychologie, ist dies nicht in ausreichendem Umfang möglich. Daher sind dort "Wiederholungen" eines Experiments, z.B. mit einer anderen Personengruppe, neue Einzelbeobachtungen. Frühere Einzelbeobachtungen werden (ausgenommen bei sehr krassen Differenzen zwischen den Ergebnissen) durch eine einzelne Studie mit abweichenden Ergebnissen i.a. nicht invalidiert, durch eine Serie solcher Studien hingegen schon. Tatsächlich spricht man in einigen empirischen Forschungsgebieten seit ca. 15 Jahren von einer "Replikationskrise", weil sich viele grundlegende, als sicher geglaubte Effekte wiederholt nicht oder nur mit geringer Effektstärke reproduzieren ließen.

Verallgemeinernde Aussagen bzw. Modelle sind wegen des Induktionsprinzips nicht binär wahr oder falsch, sondern haben auf Basis der Einzelbeobachtungen viel oder wenig Evidenz und sind daher mehr oder weniger vertrauenswürdig. Popper (1962) prägte hierfür den Begriff verisimilitude (Wahrheitstreue, Wahrheitsnähe).

Einige Aussagen, z.B. der Energieerhaltungssatz der Physik, sind extrem vertrauenswürdig, da sie in technischen Anwendungen billionenfach ausgenutzt, also repliziert wurden. Weil diese Aussage derart vertrauenswürdig ist, reicht ein einziges reproduzierbares Gegenbeispiel, z.B. ein funktionierendes Perpetuum mobile, aus, um die Aussage zu falsifizieren in dem Sinne, daß der Grad des Vertrauens massiv verringert wird.

Andere wissenschaftliche Aussagen, z.B. Wetterprognosen, sind weniger sicher; der Grad der (Un-) Sicherheit wird dort sogar oft numerisch geschätzt und bildet einen Teil der Aussage: eine kurzfristige Prognose für den nächsten Tag ist weitaus vertrauenswürdiger als eine langfristige. Wenn eine Prognose einmal nicht genau genug eintrifft, dann ist dies kein Gegenbeispiel, das das Klimamodell, das für die Prognosen benutzt wird, "falsifiziert" - es reduziert allenfalls den Grad des Vertrauens in das Modell. Analog zur Replikation beim "Beweis" der Korrektheit des Klimamodells muß auch dessen Widerlegung repliziert werden. Die Komplikation rührt daher, daß es sich hier um statistische Aussagen handelt, die grundsätzlich nicht durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegbar sind.

Eine Falsifikation einer allgemeinen Aussage bzw. eines Modells besteht i.d.R. darin, Beobachtungen reproduzierbar zu liefern, die nicht mit den Prognosen vereinbar sind. Die Gegenbeispiele stellen, sofern sie nicht selber fehlerhaft ist, neues relevantes Wissen dar, das in den Wissenschaftsprozeß einfließt. Die bisherige Evidenz zugunsten der Aussage wird dadurch nicht ungültig (sofern dort keine Fehler entdeckt werden). Dies ist anders bei Gegenbeispielen in den Formalwissenschaften: ein Gegenbeispiel zeigt dort an, daß die scheinbar bewiesene Aussage falsch ist und der bisherige "Beweis" (oder das Gegenbeispiel) einen Fehler enthalten muß.

Geisteswissenschaften

Forschungsgegenstand der Geisteswissenschaften sind menschengemachte "Produkte" oder Verhältnisse, darunter kulturelle, geistige, mediale, teils auch soziale bzw. historische, politische, religiöse u.a. Phänomene. Wegen der Vielfalt menschengemachter Produkte sind die Geisteswissenschaften deutlich heterogener als die Naturwissenschaften hinsichtlich der Struktur ihrer Untersuchungsgegenstände, der Aussagen über diese und der Wissenschaftstheorien. Man kann auch hier wieder zwei Arten von Erkenntnissen, die gewonnen werden sollen, unterscheiden: Einzelbeobachtungen und allgemeinere Aussagen.

Einzelbeobachtungen. Einzelbeobachtungen sind Beschreibungen aller erwähnten Arten von menschlichen Produkten, aktuell vorhandene als auch historische. Bei der Gewinnung werden z.T. Methoden und Erkenntnisse der MINT-Wissenschaften als Hilfsmittel eingesetzt, z.B. in der Linguistik oder der Archäologie. Damit werden diese Wissenschaften aber nicht selber zu einer Naturwissenschaft.

Anders als bei Einzelbeobachtungen in den empirischen Wissenschaften sind die beobachteten Phänomene hier i.d.R. bedeutungstragend. Eine Grabinschrift oder ein Bild sind "wörtlich genommen" ein objektiv überprüfbarer Sachverhalt. Viel interessanter ist aber, was sie bedeuten, welcher Gedanke dort festgehalten wird, was damit bewirkt werden soll und wie man diese Absicht moralisch bewertet. Die "wörtlichen" Einzelbeobachtungen können weitgehend objektiv ermittelt werden, für ihre Falsifizierbarkeit gilt i.w. das gleiche wie bei den empirischen Wissenschaften. Für deren Bedeutung und Bewertung gilt das nicht: das gleiche Dokument kann unterschiedlich interpretiert werden und unterschiedliche Reaktionen auslösen. Die Interpretationen basieren selber auf subjektiven, gefilterten Wahrnehmungen und Begriffsgerüsten, in die das Beobachtete eingeordnet wird(20). Sie unterscheiden sich bei verschiedenen Beobachtern regelmäßig selbst dann, wenn man methodische Regeln für solche Interpretationen hat, insb. wenn der gleiche Sachverhalt unterschiedliche Kontexte hat, die zu unterschiedlichen Erkenntnisinteressen führen. Daher ist "Wahrheit" in den Geisteswissenschaften sogar bei Einzelbeobachtungen oft kontextabhängig.

Allgemeine Aussagen sind hier von ihrem Aussagegehalt her i.d.R. starke Abstraktionen sehr komplexer Realitäten. Von dem gigantischen Berg an Detailinformationen kann nur ein Bruchteil berücksichtigt werden, ferner spielen häufig Wertungen eine Rolle. In der Sprechweise empirischer Wissenschaften hat man grundsätzlich einen nicht vernachlässigbaren Modellfehler.

Die oben erwähnten ontologischen Annahmen treffen auf Geisteswissenschaften nur noch bruchstückhaft zu. Eine unabhängig existierende Realität steht als Meßlatte für die Wahrheit von Aussagen nur bei den "wörtlichen" Einzelbeobachtungen zur Verfügung, nicht hingegen bei deren Interpretation und erst recht nicht bei weitergehenden verallgemeinerten Aussagen. Deshalb werden entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse oft als qualifizierte Meinungen (justified belief) bezeichnet.

Weil die Wahrheit von Aussagen nicht direkt, also auf der Sachebene, entschieden werden kann, verschiebt sich der Schwerpunkt der Evidenzerzeugung (a) auf die Prozeßebene und/oder (b) die fachliche Kompetenz der Forscher. Zu (a): Weitaus mehr als bei der empirischen Erforschung der belebten Realität spielt es bei den Geisteswissenschaften für die Einschätzung von Forschungsergebnissen eine Rolle, wie und mit welchen Erkenntnisinteressen (und darin versteckten Annahmen) eine Forschungsfrage definiert wurde und wie man die Lösung gefunden hat. Dies gilt insb. im negativen Sinn, wenn der Eindruck entsteht, nicht ergebnisoffen zu sein und mit einer Untersuchung nur eine vorgefaßte Meinung bestätigen zu wollen. Zu (b): In allen Wissenschaften korreliert die Fähigkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, stark mit einer hohen fachlichen Kompetenz auf dem jeweiligen Gebiet. Diese Korrelation kann plausibel als statistische Kausalität interpretiert werden, wonach Erkenntnisse mit umso höherer Wahrscheinlichkeit korrekt sind, je kompetenter und wissenschaftlich ausgewiesener die Forscher sind(21). Der Rückgriff auf den Prozeß und/oder die fachliche Kompetenz ist aber nur eine Notlösung, weil in diesen Wissensgebieten keine empirische Evidenz verfügbar ist.

Unterschiedliche, widersprüchliche Aussagen können hier qualitativ hochwertige Begründungen haben. D.h. das mit der Wissenschaftsfreiheit verbundene Ziel, unhinterfragbare Fakten von der Wissenschaft bestimmen zu lassen und keine Zeit mit sinnlosen Diskussionen hierüber zu verschwenden, wird nicht erreicht, wie man unschwer an politischen Debatten erkennt.

Wissenschaftssoziologisch betrachtet sind bei vielen Geisteswissenschaften daher das Wissenschaftssystem und der öffentliche Debattenraum nicht klar getrennt. Beispielsweise werden auch Meinungsbeiträge in Tageszeitungen als wissenschaftliche Beiträge anerkannt. Umgekehrt wird gefordert, die Universität als legitimen Ort politischer Debatten anzusehen, verbunden mit dem Anspruch, direkt auf gesellschaftliche Debatten einzuwirken ("third mission"). Damit wird aber die Trennung zwischen Wissenschaftssystem und öffentlichem Debattenraum grundsätzlich infrage gestellt und damit auch die Trennung von Wissenschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit.

Falsifizierbarkeit. Wenn, wie schon oben erwähnt, unterschiedliche, widersprüchliche Aussagen wissenschaftlich belegt sein können, ist eine Widerlegung einer Aussage durch eine damit inkompatible nicht mehr möglich. Aussagen können sich allenfalls durch die Qualität ihrer Evidenz und daraus folgend durch den Grad ihrer Vertrauenswürdigkeit unterscheiden.

Angewandte Wissenschaften

Angewandte Wissenschaften wenden Erkenntnisse anderer Wissenschaften praktisch an. Die bekannteste Gruppe sind die Ingenieur- bzw. Konstruktionswissenschaften, erkennbar am Suffix -bau oder -technik im Namen. Beispiel: Elektrotechnik. Deren Themengebiet ist die Konstruktion von diversen technischen Geräten und Systemen, deren Funktion auf elektrischen Feldern, Elektromagnetismus u.ä. beruht. Die hier geltenden bzw. ausgenutzten physikalischen Gesetze sind Erkenntnisse der Physik bzw. Chemie, zentrale Erkenntnisse der Elektrotechnik sind dagegen die Methoden, wie man systematisch funktionierende, zuverlässige, kostengünstige und ggf. leicht bedienbare Geräte und Systeme konstruiert.

Beispiele für angewandte Wissenschaften, die nicht primär technische Systeme konstruieren, sind:

Das Konstruktions- bzw. Anwendungswissen ist menschengemacht, anders als das ausgenutzte naturwissenschaftliche Wissen. Von daher gibt es dort analog wie in den Geisteswissenschaften keinen absoluten Wahrheitsbegriff. Es gibt nicht den einen ultimativen, einzig wahren Elektromotor, sondern etliche konkurrierende Bauformen, die jeweils eigene, wissenschaftlich nachgewiesene Vor- und Nachteile haben und die passend zur Problemstellung verwendet werden müssen.

Indizien für (Un-) Wissenschaftlichkeit

In der informellen Begriffsdefinition von Wissenschaft wurden vier Aspekte des Begriffs unterschieden. In Anlehnung an Bunge (1983) und Mahner (2007) präzisieren wir i.f. diese vier Aspekte und geben jeweils einen Erwartungshorizont an, welche Verhältnisse dort herrschen sollten. Die Erfüllung dieser Bedingungen kann als Indiz für Wissenschaftlichkeit der dieses Bereichs gewertet werden.

Um es noch einmal zu betonen: Fast alle Kriterien sind keine binäre Unterscheidung zwischen Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit, sondern nur Indizien für die eine oder andere Richtung. Abgesehen von krassen Fällen kann das Gewicht dieser Indizien immer nur im Einzelfall bewertet werden. Mahner (2007) enthält eine Vielzahl von Fallbeispielen für konkrete Ausprägungen dieser Typen von Indizien.

Der Wissensbereich

Der Wissensbereich einer Wissenschaft ist der Themenbereich ("domain of discourse"), in dem man erfolgreich nach Erkenntnissen gestrebt hat, konkret gesagt also die Aussagen, die diese Wissenschaft bisher korrekt bewiesen hat, und die Untersuchungsgegenstände, bei denen man weiterhin nach Erkenntnissen streben wird. Das Themengebiet kann i.d.R. durch zentrale Grundbegriffe, typische Fragestellungen und zentrale Erkenntnisse charakterisiert werden. Hierdurch grenzt man sich zugleich von anderen, "benachbarten" Wissenschaften ab. Auf die Größe dieses Themengebiets kommt es nicht an, auch ein kleiner Bereich bzw. "eine Theorie" kann ein eigener Wissensbereich sein.

Daß sich einzelne Erkenntnisse einer Wissenschaft später als falsch oder anpassungsbedürftig erweisen, ist normal, insb. in Wissenschaften, in denen Aussagen nicht durch einzelne inkompatible Einzelbeobachtungen falsifiziert werden können. Wenn dies indes in großem Umfang geschieht oder nicht zu Korrekturen führt, ist dies ein starkes Indiz für Un- bzw. Pseudowissenschaft.

Aus einer historischen Betrachtung heraus sollte der Wissensbestand stetig wachsen. Das Themengebiet, für das man sich zuständig und kompetent erklärt, kann sich ebenfalls weiterentwickeln, insb. durch Folgefragen, die sich aus neuen Erkenntnissen ergeben(23).

Fast alle Wissenschaften basieren auf dem Wissen anderer, grundlegender Wissenschaften (Ausnahmen sind diese Basiswissenschaften selber). Gemeinsame Basis sind fast immer elementare Logik und rationales Denken. Sehr viele Wissenschaften benutzen Mathematik, Statistik und Informatik im Sinne von Werkzeugen bzw. Hilfsmitteln, mit denen eigene Erkenntnisse formuliert werden und Evidenz erzeugt wird. Weiterhin bauen alle angewandten Wissenschaften auf anderen Wissenschaften auf, typischerweise eine oder mehrere Natur- oder Formalwissenschaften bzw. Teilbereiche von diesen. Von Sonderfällen abgesehen werden keine Erkenntnisse in den Basiswissenschaften angestrebt.

Eine Wissenschaft ist ungewöhnlich und verdächtig, wenn sie keinen eigenen klar abgegrenzten Wissensbereich hat oder auf keinerlei Basiswissenschaften aufbaut bzw. keine Beziehungen zu thematisch benachbarten Wissenschaften hat,

Die Wissenschaftstheorie

Die Wissenschaftstheorie beinhaltet zum einen ein "Verifizierungssystem"(24), also Methoden, mit denen Evidenz für die Korrektheit von Aussagen geliefert werden kann. Diese Methoden führen zu sehr verschiedenen impliziten Definitionen des Begriffs Wahrheit und zur Möglichkeit, Aussagen zu falsifizieren.

Die Methoden des Verifizierungssystems basieren wiederum auf bestimmten ontologischen Annahmen. Wie schon oben erläutert gehen z.B. diverse Naturwissenschaften davon aus, daß es eine unabhängig vom Menschen existierende, regelhafte Realität (die "Natur") gibt, deren Gesetzmäßigkeiten sie erforschen. Diese Annahmen werden in Beweisführungen i.a. nicht eigens erwähnt, sind aber trotzdem stillschweigende Voraussetzungen, von deren Korrektheit die Korrektheit der Erkenntnisse abhängt.

Die ontologischen Annahmen sind grundsätzlich weder beweisbar noch widerlegbar. Sie können aber unplausibel und inkonsistent sein mit anderen Phänomenen als denjenigen, zu deren "Beweis" sie herangezogen, um nicht zu sagen erfunden, werden (Beispiele: Astrologie, Homöopathie).

Die Prozeßebene einer Wissenschaftstheorie besteht aus Methoden, wie man im jeweiligen Problembereich systematisch nach Erkenntnissen sucht. Hierunter fällt ein breites Spektrum an einzelnen Methoden und Techniken, u.a. "handwerklich sauberes" Arbeiten, Techniken zur systematischen Suche nach Fehlern, diverse Methoden der Qualitätssicherung, Erfahrungen aus früheren erfolgreichen Forschungsprojekten usw. Typischerweise werden diese Methoden verschriftlicht, z.B. in Form von Büchern oder Lehrveranstaltungen mit dem Titel wie "Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten" für den wissenschaftlichen Nachwuchs oder in Form von Richtlinien von Forschungsförderungsgesellschaften Die DFG bspw. unterhält ein eigenes Portal zum Themenfeld "Wissenschaftliche Integrität", über das Dutzende von Richtlinien zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung gesammelt sind. Manche Richtlinien gelten die für alle Themenbereich, sehr viele sind aber spezifisch für einzelne Wissensgebiete. Letztere basieren typischerweise auf der Methodenlehre des jeweiligen Wissensgebiets, z.B. Freese (2017).

Es kann in umfangreichen Wissensbereich mehrere konkurrierende Wissenschaftstheorien geben, die sich graduell unterscheiden oder auf Teilbereiche fokussieren oder konkurrierende Lösungsansätze repräsentieren. Es ist verdächtig, wenn diese konkurrierenden Wissenschaftstheorien erhebliche Inkonsistenzen aufweisen.

Es ist ausgesprochen verdächtig und ein starkes Indiz für Pseudowissenschaft, wenn schriftliche Darstellungen der fachspezifischen Methoden nicht existieren, nicht plausibel sind oder widersprüchlich sind.

Starke Indizien für Unwissenschaftlichkeit liegen ferner vor, wenn von weitreichenden, unhinterfragbaren Dogmen ausgegangen wird, wenn die Meinungen bestimmter Gurus unhinterfragbar sind oder wenn bestimmte Sachargumente als moralisch verwerflich und daher als unzulässig behandelt werden. Wegen der Vielzahl an themenspezifischen Methoden sind allerdings auch entsprechend viele Möglichkeiten vorhanden, wissenschaftliche Standards zu verletzen. Ein ein Vielzahl von Fallbeispielen findet sich in Mahner (2007)

Einzelne, eher strategische Entscheidungen innerhalb des Forschungsprozesses können auch durch Werturteile beeinflußt oder direkt gesteuert werden, bestimmte Fragen nicht oder bevorzugt zu erforschen oder bestimmte Forschungsmethoden nicht anzuwenden(25).

Die Tätigkeit des Forschens und Lehrens

Vordergründig handelt es sich hier nur darum, die methodischen Standards der jeweiligen Wissenschaftstheorie einzuhalten. Typischerweise ist hierbei zunächst auf einer "handwerklichen" Ebene eine hohe einschlägige Fachkompetenz notwendig, um einzelner Arbeitsschritte durchzuführen. Wichtiger für den Forschungserfolg sind die individuellen, kreativen Tätigkeiten eines Forschers, also die Hypothesenbildung, die eine sehr gute Kenntnis des Stands der einschlägigen Forschung und der dort vorhandenen Defizite erfordert, die Einschätzung der Erfolgswahrscheinlichkeit von Lösungsansätzen und die effiziente Umsetzung von Lösungsideen. Hier bestehen große Freiräume. Wegen dieser Freiräume kann man i.a. von außen sehr schlecht beurteilen, ob Forschungsprozesse qualitativ hochwertig durchgeführt wurden.

Diese Freiräume können ohne Absicht ungünstig ausgefüllt oder bewußt mißbraucht werden, z.B. indem Untersuchungen nicht ergebnisoffen geplant und durchgeführt werden, indem wichtige existierende Forschungsergebnisse ignoriert werden, indem z.B. in der empirischen Sozialforschung in Umfragen manipulative Fragen benutzt werden usw.

Eine weitere Ursache, warum Forschungsprozesse suboptimal durchgeführt werden, ist fehlende Wissenschaftsfreiheit und daraus folgend fehlende psychische Freiheit. Dieses Fehlen führt zu Selbstzensur, zum Vermeiden von Risiken und zu Abweichungen vom eigentlich notwendigen Verhalten. Im Endeffekt wird durch alle genannten Störfaktoren die Qualität der Ergebnisse vermindert.

Daß der Mensch eine Fehlerquelle ist, ist hinreichend bekannt, aus diesem Grund existieren akademische Qualitätssicherungssysteme, insb. gegenseitige Begutachtungen. Diese Systeme sind der Population der Wissenschaftler in einem Themengebiet zuzuordnen (s. nächsten Abschnitt). Im Idealfall werden dadurch Defizite eines einzelnen Forschers kompensiert.

Daß eine Theorie, eine Denkschule o.ä. auf einen einzigen Forscher zurückgeht, ist ungewöhnlich, aber nicht undenkbar. In solchen Fälle entstehen aus den individuellen Defiziten des Forschers Defizite seiner Theorien. Solche Fälle sind indes fast automatisch Verdachtsfälle für Pseudowissenschaften.

Die Population von Wissenschaftlern

Die Forscherpopulation eines Wissensgebiets (oder einer Denkschule o.ä.) sind die Forscher, die gemäß der Wissenschaftstheorie für dieses Wissensgebiets forschen und lehren.

Als unverzichtbar für "eine Wissenschaft" wird normalerweise ein Qualitätssicherungssystem, das insb. diverse Formen von peer reviews umfaßt, angesehen. Damit ein Qualitätssicherungssystem funktionieren kann, muß eine nicht allzu kleine Anzahl von Wissenschaftlern in einem Wissensgebiet aktiv sein(26).

Teilweise wird der Forscherpopulation eine Rolle bzw. ein Verdienst zugeschrieben, der deutlich über die korrektive Funktion des Qualitätssicherungssystems hinausgeht, nämlich überhaupt erst die Erkenntnisse des Wissensgebiets kollektiv erarbeitet zu haben (Stichwort: Schwarmintelligenz). Anders formuliert wird unterstellt, daß kein einzelner Forscher alleine imstande wäre, das Wissensgebiet aufzubauen. Für umfangreiche Wissensgebiete, darunter alle klassischen Wissenschaften, ist dies offensichtlich schon aus quantitativen Gründen der Fall. Damit zusammen hängen weitere soziologische Merkmale einer Wissenschaft:

  • Wird sie durch Lehrstühle, Studiengänge, Standesgesellschaften u.a. strukturell repräsentiert? Hat sie dadurch eine definierte Schnittstelle zur restlichen Gesellschaft (insb. in die Medien)? Bildet sie eine soziale Gruppe?
  • Wird die von der Öffentlichkeit tatsächlich als Wissenschaft im Sinne von Kompetenzzentrums wahrgenommen?
Dies führt zur definitorischen Frage, ob ein Wissensgebiet, das nur eine minimale Forscherpopulation hat, im Extremfall nur eine Person, automatisch keine Wissenschaft ist. In manchen Fächern ist Alleinautorenschaft üblich, bei Dissertationen wird sie sogar formal verlangt, d.h. ein Beitrag anderer Personen wird explizit negiert, und die Autoren kommen ggf. über lange Zeiträume kaum mit Qualitätssicherungssystemen und konkurrierenden Autoren in Berührung. Insofern ist die obige Frage klar zu verneinen, zumal der Begriff "eine Wissenschaft" hier auch sehr kleine Wissensgebiete und entsprechend kleine Forscherpopulationen, also auch vom Mainstream abweichende kleine Denkschulen, umfassen soll.

Eine Forscherpopulation kann einerseits die oben skizzierten Verdiensten haben, andererseits auch negativ wirken, u.a. durch böswillige Gutachten und Kritik, Moden und Blasenbildungen. Wissenschaftsaktivismus innerhalb der Forscherpopulation, illegitime Methoden beim Kampf um Fördermittel usw. Ggf. werden die Qualitätsstandards, die die Prozeßebene der Wissenschaftstheorie vorschreibt, nicht wirklich durchgesetzt. Ggf. werden Grundwerte und informelle Verhaltensnormen, die man kaum verschriftlichen und formal durchsetzen kann, nicht eingehalten (z.B. Mobbing).

Pseudowissenschaften unterscheiden sich bei den soziologischen Strukturen i.d.R. deutlich von seriösen Wissenschaften, u.a. durch die Existenz von Gurus, deren Gedanken nicht bezweifelt werden dürfen, Tabuthemen, die nicht behandelt werden dürfen, systematisches Versagen der Qualitätssicherung (Beispiel: Sokal Squared) usw. Solche Defekte sind starke Indizien für ein Pseudowissenschaft.

Fallstudien und detaillierte Merkmale von Pseudowissenschaften

t.b.d.

Anmerkungen

(1) Daß Pseudowissenschaften, Verschwörungstheorien u.ä. eine grundsätzliche Gefahr für aufgeklärte, liberale Gesellschaften sind, ist unübersehbar und hat seit langem zu Aktivitäten geführt, diese Gefahr einzudämmen. Das bekannteste deutsche Beispiel ist die 1987 gegründete Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), https://www.gwup.org/. Wie schon der Name ausdrückt haben die Gesellschaft bzw. ihre Mitglieder selber einen wissenschaftlichen Anspruch, Parawissenschaften (die eine Obermenge der Pseudowissenschaften sind), wissenschaftlich zu untersuchen. Tatsächlich haben wichtige Mitglieder der Gesellschaft (z.B. Mahner, Mukerji) umfangreich wissenschaftlich über Pseudowissenschaften publiziert, z.B. Mahner (2007) Mahner (2023), Schwarz (2023), Mukerji (2023).

Die deutsche GWUP ist eng vernetzt mit ähnlichen Gesellschaften in anderen Ländern, z.B. der englischen Skeptics Society oder dem Forum für kritisches Denken in der Schweiz.

Einigen Aufruhr inkl. medialem Nachhall hat die "woke Kaperung" der GWUP in diesem Sommer geführt. Der Sprecher des überraschend neu gewählten Vorstands, Holm Gero Hümmler, hat kürzlich dem Verein einen ideologischen Maulkorb angezogen. Er hält Begriffe wie "Woke-Phänomen" oder "Wokismus" für "ideologische Kampfbegriffe [die einen] in die Nähe neurechter Narrative bringen". Er plädiert dafür, Parolen (!!) wie "Es gibt nur zwei Geschlechter" zu lassen. Das sei selbst in der Biologie nur für bestimmte Fragestellungen richtig. Etliche Mitglieder und Beobachter sehen die GWUP inzwischen als grundlegend gefährdet an (HPD, 23.05.2023, HPD, 26.05.2023).

(2) Gordin (2021) bezeichnet solche "aggressiven" Pseudowissenschaften als counterestablishment pseudoscience. Anders als diese "aggressiven" Pseudowissenschaften versuchen manche Pseudowissenschaften, möglichst unauffällig zu sein und als kompatibel mit seriösen Wissenschaften zu erscheinen, um nicht negativ aufzufallen, s. Hansson (2021), Kap. 5, science denialism.
(3) Vgl. auch Hoyningen-Huene (2007) mit einer etwas kleineren Kriterienliste.
(4) In einigen Definitionen von Pseudowissenschaft wird die Absicht, Wissenschaftlichkeit vorzutäuschen, als zentrales Merkmal angesehen (s. z.B. Derksen (1993), Derksen (2001)). Ohne dieses Kriterium ist eine Wissenschaft, die "nur" schlecht ist und unbrauchbare Resultate liefert, auch Pseudowissenschaft. Dies läuft der Meinung zuwider, daß Außenstehende, insb. Laien, nicht beurteilen können, ob eine Wissenschaft gut oder schlecht arbeitet. Die Betrugsabsicht ist allerdings ebenfalls von außen nicht sicher feststellbar.
(5) Hansson (2017) charakterisiert die Angriffe und Angreifer in wichtigen Beispielen. Diethelm (2009) diskutiert die schädlichen Folgen und mögliche Gegenmaßnahmen.
(6) Diese Passage wird auch identisch wiederholt im einem späteren Urteil, Bundesverfassungsgericht, 1 BvR 434/87.
(7) s.a. Gaerditz (2022): "... die politische Funktion [der Wissenschaftsfreiheit] besteht jedoch weniger in der Meinungsbildung, als vielmehr darin, relative Wahrheitsansprüche aufrecht zu erhalten, die der politischen Disposition entzogen sind."
(8) Gärditz (2022) bezeichnet Wissenschaft als methodisch disziplinierte Gegenöffentlichkeit zu allgemeinen Öffentlichkeit, in der die Äußerung beliebigen Unsinns durch die Meinungsfreiheit geschützt wird.
(9) Zum Teil wurde unter "Demarkation" nicht die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft verstanden, sondern die Abgrenzung zwischen den empirischen Wissenschaften und nichtempirischen, insb. Mathematik und Kulturwissenschaften. Im letzteren Sinn werden wir "Demarkation" hier nicht verwenden.
(10) S. Laudan (1983), 5. Conclusion: "The question ["what makes a belief scientific"] is both uninteresting and, judging by its checkered past, intractable. If we would stand up and be counted on the side of reason, we ought to drop terms like 'pseudo-science' and 'unscientific' from our vocabulary; they are just hollow phrases which do only emotive work for us.",
(11) Hansson (2021) bezeichnet diesen paradoxen Befund in "7. Unity in diversity" als ein ungelöstes Problem: It is in a sense paradoxical that so much agreement has been reached in particular issues in spite of almost complete disagreement on the general criteria that these judgments should presumably be based upon.
(12) Ein Beispiel hierfür ist die (Fehl-) Interpretation der Falsifizierbarkeit als Kriterium, das auf alle Wissenschaften anwendbar ist ("Erkenntnisse können nur wissenschaftlich sein, wenn sie grundsätzlich falsifizierbar sind"). Tatsächlich ist dieses Kriterium nur für empirische Wissenschaften sinnvoll anwendbar. Popper hatte es ursprünglich für die Psychoanalyse entwickelt und scheint sich später wechselnd geäußert zu haben, ob es nur für empirische oder doch für alle Wissenschaften anwendbar ist.
(13) Natürlich wird es gemeinsame Anteile in allen domänenspezifischen Definitionen geben, z.B. rationales Argumentieren.
(14) Vgl. Mahner (2007), Kap. 4 Characterizing Fields Of Knowledge.
(15) Genaugenommen nur die axiomatisch herleitbaren Anteile, also fast alles "wirklich wichtige".
(16) In den empirischen Wissenschaften hat eine Falsifikation durch ein Gegenbeispiel völlig andere Auswirkungen, mehr dazu weiter unten.
(17) Modelle sind hier verstanden im Sinne der "Allgemeinen Modelltheorie" nach Stachowiak (1973). Als Einführung s. z.B. Lehrmodul "Modelle"
(18) Der Begriff "Gesetze" ist insofern irreführend, als im juristischen Sinn ein Gesetz eine Vorschrift ist, die ein Verhalten erzwingt. "Gesetze" der empirischen Wissenschaften sind stattdessen deskriptive Modelle der Realität.
(19) Die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit, dieses Ideal in der Praxis zu erreichen, diskutiert Freese (2017).
(20) Im Vergleich dazu haben die Naturwissenschaften i.d.R. eine auf objektiven Maßeinheiten basierende, ausgefeilte Meßtechnik für die Phänomene, über die etwas ausgesagt wird. Messungen werden so konzipiert und durchgeführt, daß der vermessene Vorgang von der Messung nicht beeinflußt wird.
(21) Der Rückgriff auf die Qualifikation von Forschern ist speziell aus juristischer Sicht naheliegend (um nicht zu sagen verführerisch), weil man von formalen Qualifikationen sehr einfach auf eine hohe fachliche Kompetenz schließen kann und weil man keine besseren praktisch handhabbaren Kriterien hat. So betont Gaerditz (2022) einerseits, daß Wissenschaftlichkeit "nicht an formale Qualifikationen gebunden" ist, hält aber "fachliche Diskursfähigkeit" für eine Mindestvoraussetzung von Wissenschaft, insb. als Abgrenzungskriterium gegenüber fachfremden Äußerungen von Wissenschaftlern, die nicht von der Wissenschaftsfreiheit geschützt sind.
(22) Didaktik-Disziplinen basieren nicht auf der jeweiligen Fachwissenschaft, sondern auf der (Kognitions-) Psychologie. Das Wissen der Didaktik-Disziplinen sind Methoden, wie Schülern, Studenten und weiteren Zielgruppen bestimmte Lernstoffe erfolgreich vermittelt werden können. Diese Methoden basieren immer auf Annahmen über bzw. Modellen von Lern- und Entwicklungsprozessen. Letztere werden von der Psychologie, namentlich der Kognitionspsychologie, erforscht. Sowohl die kognitionspsychologischen Modelle als auch die darauf basierenden Unterrichtsmethoden können sich beim Erlernen von Sprachen, Mathematik oder naturwissenschaftlichen Fächern unterscheiden. Damit werden diese Fachwissenschaften aber nicht zur Grundlagenwissenschaft, von deren Korrektheit die Korrektheit didaktischer Methoden abhängt.
(23) Es ist typisch für Pseudowissenschaften, daß sie sich thematisch nicht weiterentwickeln. Thagard (2012) definiert daher das Fehlen einer Weiterentwicklung als entscheidendes Merkmal von Pseudowissenschaften.
(24) Verifizierung ist hier nicht im streng mathematischen Sinne eines Beweises zu verstehen.
(25) Beispiele sind Laborexperimente mit hochansteckenden Viren oder Experimente am Menschen, die man wegen unkalkulierbarer Risiken oder aus moralischen Gründen nicht durchführen will. Diese Einflüsse auf Forschungsprozesse verhindern bestimmte Forschungen und deren Ergebnisse, tragen also nicht konstruktiv zum Entstehen von Pseudowissenschaften bei.

Man kann allenfalls argumentieren, das Verbot bestimmter Forschungsmethoden würde die Qualität einschlägiger Forschungen herabsetzen. Damit wird die Wissenschaft, soweit sie nur mit zulässigen Methoden arbeitet, aber nicht zu einer Pseudowissenschaft.

Daher betrachten wir hier ethische Standards und deren Einhaltung bei der Abgrenzung von Pseudowissenschaft nicht näher.

(26) Ob die Qualitätssicherungssysteme immer erfolgreich sind, ist alles andere als klar und soll hier nicht vertieft werden. In vielen Fächern sind die qualifizierten Gutachter jedenfalls völlig überlastet. Durch Moden und Blasenbildungen können die Qualitätssicherungssysteme sogar einen negativen Einfluß haben.
(27) Erkenntnisse, die man mit Begründung als falsch, nicht anwendbar oder sonstigen Gründen als nicht relevant ansieht und danach nicht weiter berücksichtigt, sind nicht "willkürlich ignoriert" worden.