Daher herrscht Konsens bzgl. der prinzipiellen Entscheidung, Pseudowissenschaften nicht zu schützen. Diese prinzipielle Entscheidung setzen wir in diesem Text voraus. Sie sieht selbstverständlich aus, hat erhebliche Konsequenzen, darunter vor allem die Aufgabe, zu definieren, was "Pseudowissenschaft" überhaupt bedeutet.
Schäden durch Pseudowissenschaften treten im Kontext der Wissenschaftsfreiheit potentiell in drei verschiedenen Szenarien auf:
Die oben genannten krassen Fälle sind dabei eher uninteressant, weil es dort leicht fällt, eine Ablehnung zu begründen. Entsprechende Forderungen werden in der Praxis auch nicht gestellt, weil aussichtslos. Anders ist das bei Grenzfällen, um die es ein nicht konvergierendes, zeitraubendes Gezerre geben kann.
Geschädigt werden hier i.w. nur Organisationen wie z.B. das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dort insb. die Betreuer der Fallsammlung.
Es liegt nahe, aus dieser Sinngebung abzuleiten, daß man im Namen der Wissenschaftsfreiheit aktiv die Entstehung und Verbreitung von Pseudowissenschaften bekämpfen sollte(1). Wegen der Abgrenzungsprobleme wäre das Risiko indes groß, versehentlich noch vertretbare Wissenschaft zu schädigen, d.h. diese Haltung käme höchstens bei eindeutig erkennbaren, großen Schäden und einer zweifelsfreien Klassifizierung als Pseudowissenschaft infrage.
Es ist nicht immer klar, ob die Pseudowissenschaft Ursache für die Aggressionen (im Sinne einer geistigen Brandstiftung) ist oder ob die Aggressionen sowieso vorhanden sind und durch die Pseudowissenschaft eine rationale Fassade bekommen sollen. So oder so hat die Pseudowissenschaft zumindest einen wesentlichen Anteil an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Aggressionen.
Die politische Perspektive ist umfassender und muß auch nicht justiziable Bedrohungen in den Blick nehmen. Wie alle Freiheitsrechte muß auch die Wissenschaftsfreiheit inhaltlich von den Bürgern verstanden worden sein und im Bedarfsfall "praktiziert" werden.
Die Wissenschaftsfreiheit unterstellt die Existenz eines eigenständigen Wissenschaftssystems und umfangreiche akademische Institutionen, deren Autonomie zu schützen ist. Diese wichtigen Annahmen und Schutzansprüche sind nicht sinnvoll auf Alltagswissen anwendbar. Das Konzept eines autonomen Wissenschaftssystems basiert auf der Annahme, daß es sich um Erkenntnisse handelt, die man nicht ohne weiteres im Alltag selber gewinnen könnte und deren Halbwertszeit nicht nur ein paar Wochen beträgt. Analog dazu werden Patente in vielen Rechtssystemen nur erteilt, wenn die Erfindung eine ausreichende "Erfindungshöhe" aufweist, also nicht ein Ergebnis ist, das von einschlägigen Fachleuten routinemäßig erzielt wird. In ähnlicher Weise muß in Gutachten von wissenschaftlichen Papieren oft die "Originalität" (wie neu ist der Beitrag) und die "Relevanz" (welche Auswirkungen hat der Beitrag) angegeben werden.
Verkompliziert wird das Problem durch die Frage, welchen Umfang des Forschungsgebiets man wählt. Beispielsweise sind manche Forschungen, die den Gender Studies zugeordnet werden, i.w. wissenschaftlich seriöse Geschlechtersoziologie. Andere Teile (z.B. erkennbar am Sokal Squared-Skandal) vermitteln zwingend den Eindruck, i.w. niveaulose ideologische Echokammern zu sein. Generell kann es unwissenschaftliche Denkschulen oder Theorien innerhalb einer ansonsten seriösen Wissenschaft geben. In solchen Fällen wird die Debatte gerne durch das rhetorische Ausweichmanöver "kein wahrer Schotte" vernebelt: Unübersehbare Fehlleistungen werden als Randerscheinungen etikettiert, angeblich sind es "keine wahren XY-Studies". M.a.W. ist die Debatte über diese Fächer selber von gravierenden Argumentationsfehlern gekennzeichnet. Vor allem wegen solcher Grenzfälle ist die Entwicklung von Kriterien, die Pseudowissenschaften von wirklichen Wissenschaften unterscheiden, alles andere als trivial.
Weil die Erkenntnisse dieser Protowissenschaften nicht ausreichend belegt sind, wird man sie allerdings im Sinne Nützlichkeitsarguments von Wissenschaft nicht als Lieferant von unhinterfragbaren Fakten in demokratischen Entscheidungsprozessen ansehen. Damit zusammenhängend stellt sich sowohl für den einzelnen Wissenschaftler als auch für die Gesellschaft insgesamt die Frage, wieviel eigene Lebenszeit bzw. wieviele Ressourcen man für diese Forschung investiert. D.h. Ansprüche wie eine Mindestausstattung an Stellen oder öffentliche Förderung, die man ggf. aus der Wissenschaftsfreiheit ableitet, wird man hier viel eher ablehnen als in entwickelten Wissenschaften.
"Wahrheit" ist ein schwer einzugrenzendes philosophisches Konzept. Eine Wettervorhersage für die nächsten 7 Tage wird zwar nach gängiger Auffassung mit wissenschaftlichen Methoden ermittelt, ist aber trotzdem keine "Wahrheit". Die Wahrheit ermitteln auch bestimmte seriöse Formen von Nichtwissenschaft, z.B. journalistische Recherchen, die sind aber keine wissenschaftlich anerkannte Methode, zudem sind die Erkenntnisse oft "triviale" Fakten ("Verkehrsunfall mit 2 Verletzten auf der B9").
Selbst wenn man unter "Wahrheit" nur nichttriviale korrekte Aussagen versteht, scheitert der Versuch, Wissenschaft von Un- oder Pseudowissenschaft daran zu unterscheiden, ob deren Aussagen wahr oder falsch sind. Der Staat (oder die Instanz, die den Schutz der Wissenschaftsfreiheit realisiert, letztlich also die Juristenzunft) kann grundsätzlich nicht selber entscheiden, ob die Aussagen oder die Methoden einer Wissenschaft richtig oder falsch sind. Gärditz bezeichnet dies als Wahrheitsabstinenz in dem Sinne, daß der Staat "wissenschaftliche Richtigkeit nicht verbindlich bewerten, insbesondere nicht politisch-voluntativ festlegen" kann(7).
Wir stehen also vor dem Dilemma, daß man die Entstehung und Verbreitung von unrichtigen Aussagen verhindern, jedenfalls nicht schützen will. Der Staat kann aber nicht entscheiden, und in einer liberalen Demokratie darf er auch nicht entscheiden, welche Aussagen unrichtig sind. Dieses Dilemma ist unabhängig davon, ob die Wissenschaftsfreiheit gesetzlich geschützt wird oder nicht. Es entsteht immer dann, wenn eine selber nicht wissenschaftlich qualifizierte Öffentlichkeit ("Laien") über die angeblich wissenschaftlich nachgewiesene Korrektheit von Behauptungen oder die Wissenschaftlichkeit von Forschungsgebieten entscheiden muß.
Demokratische Debatten drehen sich in der Regel um Interessenkonflikte und unterschiedliche subjektive Wertungen und werden letztlich durch Mehrheiten entschieden, z.B. den Mindestlohn um 1 Euro zu erhöhen. Man kann aber nicht mehrheitlich entscheiden, daß die Klimaveränderungen morgen früh aufhören oder daß 2 + 2 = 5 ist. Es gibt also Realitäten, die nicht zur Disposition von Mehrheitsentscheidungen stehen(8) und über die zu diskutieren sinnlos ist. Der Nutzen der Wissenschaft liegt darin, sinnlose Debatten zu verhindern und generell die inhaltliche Qualität politischer Debatten verbessern. Dies stellt ein wichtiges Staatsziel dar.
Sofern wissenschaftliche Erkenntnisse nicht über jede Zweifel erhaben sind, sondern man sie seriös bezweifeln kann und sie eher eine Meinung unter vielen darstellen, die besser als üblich fundiert ist, entlasten sie die politischen Debatten nicht, sie nützen also effektiv nichts. Sie stellen den auch privilegierten Status infrage, den man Wissenschaftlern in den Debatten einräumen soll.
Man muß sich daher letztlich in einem gewissen Rahmen frei entscheiden, was man unter Pseudowissenschaft verstehen will, vor allem in Abgrenzung zu diversen Formen von Nichtwissenschaft oder schlechter Wissenschaft. Laudan (1983) faßte den Frust, keine konsensfähige Definition von Pseudowissenschaft gefunden zu haben, dahingehend zusammen, daß er das Problem als nicht lösbar und die Beschäftigung damit als Zeitverschwendung bezeichnete(10). Erst rund eine Generation später kam z.B. mit Mahner (2007) oder der Monographie Pigliucci (2013) wieder Leben in die Debatte.
Eine Übersicht über den aktuellen Stand und die konkurrierenden Abgrenzungskriterien liefert Hansson (2021). Eine überraschende Beobachtung ist, daß die vorgeschlagenen Abgrenzungskriterien und damit die konzeptuelle Definition, was Pseudowissenschaft ist, äußerst verschieden sind, daß deren praktische Anwendung aber fast immer die gleichen Pseudowissenschaften identifiziert(11). Einer der Streitpunkte ist, ob ein einziges Kriterium ausreicht (bzw. nur eines benutzt werden darf) oder mehrere verwendet werden sollen, bei denen man sich wiederum streiten kann, ob es "muß"-Kriterien sind oder nur starke Indizien. Hansson (2021) listet nicht weniger als 14 Publikationen im Zeitraum von 1953 bis 2007 auf, die unterschiedliche Listen von Kriterien vorschlagen. Hinzu kommt aus praktischer Sicht die Frage, ob man die vorgeschlagenen Kriterien hinreichend präzise "vermessen" kann.
Ein großer Teil der philosophischen Literatur, die dem Thema Nicht- bzw. Pseudowissenschaften zugeordnet wird, ist für das Thema dieses Papier wenig brauchbar, weil es tatsächlich um die Abgrenzung von Naturwissenschaften oder ggf. allgemeiner von empirischen Wissenschaften gegenüber allen anderen Wissenschaften, vor allem den den Formal- und Geisteswissenschaften, geht. Die Unterscheidung zwischen diesen großen Wissenschaftsbereichen ist für uns nur insofern relevant, als in jedem Bereich andere Voraussetzungen für die Unterscheidung von Wissenschaftlichkeit und Nichtwissenschaftlichkeit vorliegen und die Unterscheidung einfacher bzw. schwieriger ist.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die philosophische Behandlung des Themas sich darauf konzentriert, eine möglichst präzise, umfassende Definition des Begriffs Pseudowissenschaft zu finden. Im Kontext der Wissenschaftsfreiheit liegen wesentlich andere Ziele und Randbedingungen vor, unter denen man den Begriff benutzt, primär die einleitend genannten Szenarien. Nichtsdestotrotz können die in der Philosophie entwickelten Begriffe und die Kriterien für Pseudowissenschaften vielfach im Kontext der Wissenschaftsfreiheit weiterverwendet werden.
Aus einer pragmatischen Sicht spielt dabei auch eine Rolle, in welchen Themengebieten häufig genug Pseudowissenschaften in Sinne der einleitend genannten Bedrohungen auftreten.
Bei dem gesuchten Begriffsgerüst muß man sich entscheiden, ob Konzepte wie "Wahrheit" und "Wissenschaftlichkeit" universell für alle Themengebiete einheitlich oder domänenspezifisch sind. In vielen Ansätzen zur Definition von Wissenschaftlichkeit wird dies nicht thematisiert, weil man implizit nur für einen Themenbereich anwendbar ist(12). Wir verwenden i.f. domänenspezifische Definitionen(13). Es wird auch klar werden, daß es keine tragfähigen einheitlichen Definitionen für die verschiedenen Wissenschaftsbereiche geben kann.
Die Falsifizierung von Aussagen ist generell von Interesse, im Kontext der Wissenschaftsfreiheit vor allem die Falsifizierung von Aussagen durch Laien, denn letztlich müssen Laien darüber entscheiden, ob (angebliche) Wissenschaftler die Schutzrechte der Wissenschaftsfreiheit beanspruchen können.
Man kann die Wissenschaften hinsichtlich der Struktur ihrer Aussagen und damit zusammenhängend der Falsifizierbarkeit ihrer Aussagen grob in mehrere Bereiche einteilen, in denen die gemeinsamen Anteile der Methoden der Falsifizierung relativ groß sind:
(1) Formalwissenschaften, die formale, abstrakte Objekte untersuchen,
(2) empirische Wissenschaften, die eine vorhandene Realität und deren Mechanismen untersuchen,
(3) Kulturwissenschaften, die menschenbezogene Artefakte und Verhältnisse und deren Entstehung untersuchen,
(4) angewandte Wissenschaften, insb. Konstruktionswissenschaften, die Methoden der Konstruktion von Systemen entwickeln.
Diese Bereiche haben wegen ihrer kategoriell verschiedenen Untersuchungsgegenstände auch grundlegend verschiedene Typen von Aussagen und zugehörige Wahrheitsbegriffe(14). Dementsprechend verschieden sind die Möglichkeiten, Aussagen, ggf. auch durch Laien, zu falsifizieren.
Das Verifizierungssystem der mathematischen Wissenschaftstheorie ist ebenfalls formalisiert. D.h. es gibt bestimmte zulässige Methoden, wie Beweise geführt werden können. Als wahr gelten nur Aussagen, für die es einen fehlerfreien Beweis gibt. Alle anderen Aussagen sind falsch, oder es ist unbekannt, ob sie wahr oder falsch sind. Konzepte wie "plausibel", "wahrscheinlich wahr" oder "bisher nicht widerlegt" für das Ausmaß der Wahrheit einer Aussage gibt es in dieser Denkwelt nicht. Im Gegensatz zu allen anderen Wissenschaften hier liegt ein absoluter Wahrheitsbegriff vor.
Eine (bisher) als wahr geltende Aussage kann auf zwei Arten falsifiziert werden:
Genaugenommen muß man die empirischen Wissenschaften noch einmal unterteilen in Disziplinen, die die unbelebte Realität (namentlich Physik und Chemie) bzw. die belebte, menschengemachte Realität (Soziologie, Psychologie) erforschen.
Unbelebte Realität. Die erste Gruppe geht von einigen wichtigen ontologischen Annahmen aus (s. Broad (1949), Mahner2007):
Auch die 3. Annahme trifft auf Menschen und soziale Systeme nicht uneingeschränkt zu: sie sind lernfähig. Lernende Systeme verändern ihr Verhalten infolge von Lerneffekten, ihr Verhalten ist daher potentiell bei jeder Wiederholung anders, also nicht exakt reproduzierbar. Lernfähig im weiteren Sinn sind auch sehr viele biologische Systeme, z.B. infolge Anpassung durch Evolution. In der belebten Realität kann sich der Untersuchungsgegenstand im Laufe der Zeit so verändern, daß früher gültige Aussagen nicht mehr zutreffen, Aussagen also eine "beschränkte Haltbarkeit" haben. Die menschengemachte Realität ist außerdem weitaus komplexer als die unbelebte, von daher ist es unklar, ob erklärende Modelle alle Einflüsse abbilden und ob man bei einem Replikationsversuch alle relevanten Randbedingungen exakt gleich wiederherstellen kann(19). Im Endeffekt sind Aussagen über die belebte Realität weit weniger zuverlässig als Aussagen über die unbelebte Realität, u.a. weil die oben erwähnten ontologischen Annahmen ggf. nicht zutreffen.
Falsifizierbarkeit. Wissenschaftliche Ergebnisse der empirischen Wissenschaften sind sowohl die dokumentierten Einzelbeobachtungen als auch die daraus abgeleiteten Modelle bzw. verallgemeinerten Aussagen, wobei letztere wesentlich wichtiger sind. Bei beiden sind die Begriffe "wahr" und "falsifiziert" deutlich verschieden.
Vergangene Einzelbeobachtungen können durch fehlerhaft geplante Messungen, Meßfehler, Betrug usw. ungültig sein, was ggf. erst nachträglich erkannt wird und die Einzelbeobachtung falsifiziert, also sozusagen wissenschaftlich ungeschehen macht. Eine Einzelbeobachtung kann entweder technisch fehlerfrei durchgeführt worden sein oder nicht, die Unterscheidung ist i.w. binär. Nicht binär kann der Grad des Vertrauens einer Forschergemeinde sein, daß Einzelbeobachtungen korrekt durchgeführt werden. Der Grad dieses Vertrauens kann durch Replikation von Versuchen erhöht werden, sofern man exakt identische Versuchsbedingungen wiederherstellen kann. Bei vielen physikalischen oder chemischen Effekten, also in der unbelebten Realität, ist dies im Labor möglich.
In der belebten Realität, z.B. der empirischen Sozialforschung oder der Psychologie, ist dies nicht in ausreichendem Umfang möglich. Daher sind dort "Wiederholungen" eines Experiments, z.B. mit einer anderen Personengruppe, neue Einzelbeobachtungen. Frühere Einzelbeobachtungen werden (ausgenommen bei sehr krassen Differenzen zwischen den Ergebnissen) durch eine einzelne Studie mit abweichenden Ergebnissen i.a. nicht invalidiert, durch eine Serie solcher Studien hingegen schon. Tatsächlich spricht man in einigen empirischen Forschungsgebieten seit ca. 15 Jahren von einer "Replikationskrise", weil sich viele grundlegende, als sicher geglaubte Effekte wiederholt nicht oder nur mit geringer Effektstärke reproduzieren ließen.
Verallgemeinernde Aussagen bzw. Modelle sind wegen des Induktionsprinzips nicht binär wahr oder falsch, sondern haben auf Basis der Einzelbeobachtungen viel oder wenig Evidenz und sind daher mehr oder weniger vertrauenswürdig. Popper (1962) prägte hierfür den Begriff verisimilitude (Wahrheitstreue, Wahrheitsnähe).
Einige Aussagen, z.B. der Energieerhaltungssatz der Physik, sind extrem vertrauenswürdig, da sie in technischen Anwendungen billionenfach ausgenutzt, also repliziert wurden. Weil diese Aussage derart vertrauenswürdig ist, reicht ein einziges reproduzierbares Gegenbeispiel, z.B. ein funktionierendes Perpetuum mobile, aus, um die Aussage zu falsifizieren in dem Sinne, daß der Grad des Vertrauens massiv verringert wird.
Andere wissenschaftliche Aussagen, z.B. Wetterprognosen, sind weniger sicher; der Grad der (Un-) Sicherheit wird dort sogar oft numerisch geschätzt und bildet einen Teil der Aussage: eine kurzfristige Prognose für den nächsten Tag ist weitaus vertrauenswürdiger als eine langfristige. Wenn eine Prognose einmal nicht genau genug eintrifft, dann ist dies kein Gegenbeispiel, das das Klimamodell, das für die Prognosen benutzt wird, "falsifiziert" - es reduziert allenfalls den Grad des Vertrauens in das Modell. Analog zur Replikation beim "Beweis" der Korrektheit des Klimamodells muß auch dessen Widerlegung repliziert werden. Die Komplikation rührt daher, daß es sich hier um statistische Aussagen handelt, die grundsätzlich nicht durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegbar sind.
Eine Falsifikation einer allgemeinen Aussage bzw. eines Modells besteht i.d.R. darin, Beobachtungen reproduzierbar zu liefern, die nicht mit den Prognosen vereinbar sind. Die Gegenbeispiele stellen, sofern sie nicht selber fehlerhaft ist, neues relevantes Wissen dar, das in den Wissenschaftsprozeß einfließt. Die bisherige Evidenz zugunsten der Aussage wird dadurch nicht ungültig (sofern dort keine Fehler entdeckt werden). Dies ist anders bei Gegenbeispielen in den Formalwissenschaften: ein Gegenbeispiel zeigt dort an, daß die scheinbar bewiesene Aussage falsch ist und der bisherige "Beweis" (oder das Gegenbeispiel) einen Fehler enthalten muß.
Einzelbeobachtungen. Einzelbeobachtungen sind Beschreibungen aller erwähnten Arten von menschlichen Produkten, aktuell vorhandene als auch historische. Bei der Gewinnung werden z.T. Methoden und Erkenntnisse der MINT-Wissenschaften als Hilfsmittel eingesetzt, z.B. in der Linguistik oder der Archäologie. Damit werden diese Wissenschaften aber nicht selber zu einer Naturwissenschaft.
Anders als bei Einzelbeobachtungen in den empirischen Wissenschaften sind die beobachteten Phänomene hier i.d.R. bedeutungstragend. Eine Grabinschrift oder ein Bild sind "wörtlich genommen" ein objektiv überprüfbarer Sachverhalt. Viel interessanter ist aber, was sie bedeuten, welcher Gedanke dort festgehalten wird, was damit bewirkt werden soll und wie man diese Absicht moralisch bewertet. Die "wörtlichen" Einzelbeobachtungen können weitgehend objektiv ermittelt werden, für ihre Falsifizierbarkeit gilt i.w. das gleiche wie bei den empirischen Wissenschaften. Für deren Bedeutung und Bewertung gilt das nicht: das gleiche Dokument kann unterschiedlich interpretiert werden und unterschiedliche Reaktionen auslösen. Die Interpretationen basieren selber auf subjektiven, gefilterten Wahrnehmungen und Begriffsgerüsten, in die das Beobachtete eingeordnet wird(20). Sie unterscheiden sich bei verschiedenen Beobachtern regelmäßig selbst dann, wenn man methodische Regeln für solche Interpretationen hat, insb. wenn der gleiche Sachverhalt unterschiedliche Kontexte hat, die zu unterschiedlichen Erkenntnisinteressen führen. Daher ist "Wahrheit" in den Geisteswissenschaften sogar bei Einzelbeobachtungen oft kontextabhängig.
Allgemeine Aussagen sind hier von ihrem Aussagegehalt her i.d.R. starke Abstraktionen sehr komplexer Realitäten. Von dem gigantischen Berg an Detailinformationen kann nur ein Bruchteil berücksichtigt werden, ferner spielen häufig Wertungen eine Rolle. In der Sprechweise empirischer Wissenschaften hat man grundsätzlich einen nicht vernachlässigbaren Modellfehler.
Die oben erwähnten ontologischen Annahmen treffen auf Geisteswissenschaften nur noch bruchstückhaft zu. Eine unabhängig existierende Realität steht als Meßlatte für die Wahrheit von Aussagen nur bei den "wörtlichen" Einzelbeobachtungen zur Verfügung, nicht hingegen bei deren Interpretation und erst recht nicht bei weitergehenden verallgemeinerten Aussagen. Deshalb werden entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse oft als qualifizierte Meinungen (justified belief) bezeichnet.
Weil die Wahrheit von Aussagen nicht direkt, also auf der Sachebene, entschieden werden kann, verschiebt sich der Schwerpunkt der Evidenzerzeugung (a) auf die Prozeßebene und/oder (b) die fachliche Kompetenz der Forscher. Zu (a): Weitaus mehr als bei der empirischen Erforschung der belebten Realität spielt es bei den Geisteswissenschaften für die Einschätzung von Forschungsergebnissen eine Rolle, wie und mit welchen Erkenntnisinteressen (und darin versteckten Annahmen) eine Forschungsfrage definiert wurde und wie man die Lösung gefunden hat. Dies gilt insb. im negativen Sinn, wenn der Eindruck entsteht, nicht ergebnisoffen zu sein und mit einer Untersuchung nur eine vorgefaßte Meinung bestätigen zu wollen. Zu (b): In allen Wissenschaften korreliert die Fähigkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, stark mit einer hohen fachlichen Kompetenz auf dem jeweiligen Gebiet. Diese Korrelation kann plausibel als statistische Kausalität interpretiert werden, wonach Erkenntnisse mit umso höherer Wahrscheinlichkeit korrekt sind, je kompetenter und wissenschaftlich ausgewiesener die Forscher sind(21). Der Rückgriff auf den Prozeß und/oder die fachliche Kompetenz ist aber nur eine Notlösung, weil in diesen Wissensgebieten keine empirische Evidenz verfügbar ist.
Unterschiedliche, widersprüchliche Aussagen können hier qualitativ hochwertige Begründungen haben. D.h. das mit der Wissenschaftsfreiheit verbundene Ziel, unhinterfragbare Fakten von der Wissenschaft bestimmen zu lassen und keine Zeit mit sinnlosen Diskussionen hierüber zu verschwenden, wird nicht erreicht, wie man unschwer an politischen Debatten erkennt.
Wissenschaftssoziologisch betrachtet sind bei vielen Geisteswissenschaften daher das Wissenschaftssystem und der öffentliche Debattenraum nicht klar getrennt. Beispielsweise werden auch Meinungsbeiträge in Tageszeitungen als wissenschaftliche Beiträge anerkannt. Umgekehrt wird gefordert, die Universität als legitimen Ort politischer Debatten anzusehen, verbunden mit dem Anspruch, direkt auf gesellschaftliche Debatten einzuwirken ("third mission"). Damit wird aber die Trennung zwischen Wissenschaftssystem und öffentlichem Debattenraum grundsätzlich infrage gestellt und damit auch die Trennung von Wissenschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit.
Falsifizierbarkeit. Wenn, wie schon oben erwähnt, unterschiedliche, widersprüchliche Aussagen wissenschaftlich belegt sein können, ist eine Widerlegung einer Aussage durch eine damit inkompatible nicht mehr möglich. Aussagen können sich allenfalls durch die Qualität ihrer Evidenz und daraus folgend durch den Grad ihrer Vertrauenswürdigkeit unterscheiden.
Beispiele für angewandte Wissenschaften, die nicht primär technische Systeme konstruieren, sind:
Um es noch einmal zu betonen: Fast alle Kriterien sind keine binäre Unterscheidung zwischen Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit, sondern nur Indizien für die eine oder andere Richtung. Abgesehen von krassen Fällen kann das Gewicht dieser Indizien immer nur im Einzelfall bewertet werden. Mahner (2007) enthält eine Vielzahl von Fallbeispielen für konkrete Ausprägungen dieser Typen von Indizien.
Daß sich einzelne Erkenntnisse einer Wissenschaft später als falsch oder anpassungsbedürftig erweisen, ist normal, insb. in Wissenschaften, in denen Aussagen nicht durch einzelne inkompatible Einzelbeobachtungen falsifiziert werden können. Wenn dies indes in großem Umfang geschieht oder nicht zu Korrekturen führt, ist dies ein starkes Indiz für Un- bzw. Pseudowissenschaft.
Aus einer historischen Betrachtung heraus sollte der Wissensbestand stetig wachsen. Das Themengebiet, für das man sich zuständig und kompetent erklärt, kann sich ebenfalls weiterentwickeln, insb. durch Folgefragen, die sich aus neuen Erkenntnissen ergeben(23).
Fast alle Wissenschaften basieren auf dem Wissen anderer, grundlegender Wissenschaften (Ausnahmen sind diese Basiswissenschaften selber). Gemeinsame Basis sind fast immer elementare Logik und rationales Denken. Sehr viele Wissenschaften benutzen Mathematik, Statistik und Informatik im Sinne von Werkzeugen bzw. Hilfsmitteln, mit denen eigene Erkenntnisse formuliert werden und Evidenz erzeugt wird. Weiterhin bauen alle angewandten Wissenschaften auf anderen Wissenschaften auf, typischerweise eine oder mehrere Natur- oder Formalwissenschaften bzw. Teilbereiche von diesen. Von Sonderfällen abgesehen werden keine Erkenntnisse in den Basiswissenschaften angestrebt.
Eine Wissenschaft ist ungewöhnlich und verdächtig, wenn sie keinen eigenen klar abgegrenzten Wissensbereich hat oder auf keinerlei Basiswissenschaften aufbaut bzw. keine Beziehungen zu thematisch benachbarten Wissenschaften hat,
Die Methoden des Verifizierungssystems basieren wiederum auf bestimmten ontologischen Annahmen. Wie schon oben erläutert gehen z.B. diverse Naturwissenschaften davon aus, daß es eine unabhängig vom Menschen existierende, regelhafte Realität (die "Natur") gibt, deren Gesetzmäßigkeiten sie erforschen. Diese Annahmen werden in Beweisführungen i.a. nicht eigens erwähnt, sind aber trotzdem stillschweigende Voraussetzungen, von deren Korrektheit die Korrektheit der Erkenntnisse abhängt.
Die ontologischen Annahmen sind grundsätzlich weder beweisbar noch widerlegbar. Sie können aber unplausibel und inkonsistent sein mit anderen Phänomenen als denjenigen, zu deren "Beweis" sie herangezogen, um nicht zu sagen erfunden, werden (Beispiele: Astrologie, Homöopathie).
Die Prozeßebene einer Wissenschaftstheorie besteht aus Methoden, wie man im jeweiligen Problembereich systematisch nach Erkenntnissen sucht. Hierunter fällt ein breites Spektrum an einzelnen Methoden und Techniken, u.a. "handwerklich sauberes" Arbeiten, Techniken zur systematischen Suche nach Fehlern, diverse Methoden der Qualitätssicherung, Erfahrungen aus früheren erfolgreichen Forschungsprojekten usw. Typischerweise werden diese Methoden verschriftlicht, z.B. in Form von Büchern oder Lehrveranstaltungen mit dem Titel wie "Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten" für den wissenschaftlichen Nachwuchs oder in Form von Richtlinien von Forschungsförderungsgesellschaften Die DFG bspw. unterhält ein eigenes Portal zum Themenfeld "Wissenschaftliche Integrität", über das Dutzende von Richtlinien zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung gesammelt sind. Manche Richtlinien gelten die für alle Themenbereich, sehr viele sind aber spezifisch für einzelne Wissensgebiete. Letztere basieren typischerweise auf der Methodenlehre des jeweiligen Wissensgebiets, z.B. Freese (2017).
Es kann in umfangreichen Wissensbereich mehrere konkurrierende Wissenschaftstheorien geben, die sich graduell unterscheiden oder auf Teilbereiche fokussieren oder konkurrierende Lösungsansätze repräsentieren. Es ist verdächtig, wenn diese konkurrierenden Wissenschaftstheorien erhebliche Inkonsistenzen aufweisen.
Es ist ausgesprochen verdächtig und ein starkes Indiz für Pseudowissenschaft, wenn schriftliche Darstellungen der fachspezifischen Methoden nicht existieren, nicht plausibel sind oder widersprüchlich sind.
Starke Indizien für Unwissenschaftlichkeit liegen ferner vor, wenn von weitreichenden, unhinterfragbaren Dogmen ausgegangen wird, wenn die Meinungen bestimmter Gurus unhinterfragbar sind oder wenn bestimmte Sachargumente als moralisch verwerflich und daher als unzulässig behandelt werden. Wegen der Vielzahl an themenspezifischen Methoden sind allerdings auch entsprechend viele Möglichkeiten vorhanden, wissenschaftliche Standards zu verletzen. Ein ein Vielzahl von Fallbeispielen findet sich in Mahner (2007)
Einzelne, eher strategische Entscheidungen innerhalb des Forschungsprozesses können auch durch Werturteile beeinflußt oder direkt gesteuert werden, bestimmte Fragen nicht oder bevorzugt zu erforschen oder bestimmte Forschungsmethoden nicht anzuwenden(25).
Diese Freiräume können ohne Absicht ungünstig ausgefüllt oder bewußt mißbraucht werden, z.B. indem Untersuchungen nicht ergebnisoffen geplant und durchgeführt werden, indem wichtige existierende Forschungsergebnisse ignoriert werden, indem z.B. in der empirischen Sozialforschung in Umfragen manipulative Fragen benutzt werden usw.
Eine weitere Ursache, warum Forschungsprozesse suboptimal durchgeführt werden, ist fehlende Wissenschaftsfreiheit und daraus folgend fehlende psychische Freiheit. Dieses Fehlen führt zu Selbstzensur, zum Vermeiden von Risiken und zu Abweichungen vom eigentlich notwendigen Verhalten. Im Endeffekt wird durch alle genannten Störfaktoren die Qualität der Ergebnisse vermindert.
Daß der Mensch eine Fehlerquelle ist, ist hinreichend bekannt, aus diesem Grund existieren akademische Qualitätssicherungssysteme, insb. gegenseitige Begutachtungen. Diese Systeme sind der Population der Wissenschaftler in einem Themengebiet zuzuordnen (s. nächsten Abschnitt). Im Idealfall werden dadurch Defizite eines einzelnen Forschers kompensiert.
Daß eine Theorie, eine Denkschule o.ä. auf einen einzigen Forscher zurückgeht, ist ungewöhnlich, aber nicht undenkbar. In solchen Fälle entstehen aus den individuellen Defiziten des Forschers Defizite seiner Theorien. Solche Fälle sind indes fast automatisch Verdachtsfälle für Pseudowissenschaften.
Als unverzichtbar für "eine Wissenschaft" wird normalerweise ein Qualitätssicherungssystem, das insb. diverse Formen von peer reviews umfaßt, angesehen. Damit ein Qualitätssicherungssystem funktionieren kann, muß eine nicht allzu kleine Anzahl von Wissenschaftlern in einem Wissensgebiet aktiv sein(26).
Teilweise wird der Forscherpopulation eine Rolle bzw. ein Verdienst zugeschrieben, der deutlich über die korrektive Funktion des Qualitätssicherungssystems hinausgeht, nämlich überhaupt erst die Erkenntnisse des Wissensgebiets kollektiv erarbeitet zu haben (Stichwort: Schwarmintelligenz). Anders formuliert wird unterstellt, daß kein einzelner Forscher alleine imstande wäre, das Wissensgebiet aufzubauen. Für umfangreiche Wissensgebiete, darunter alle klassischen Wissenschaften, ist dies offensichtlich schon aus quantitativen Gründen der Fall. Damit zusammen hängen weitere soziologische Merkmale einer Wissenschaft:
Eine Forscherpopulation kann einerseits die oben skizzierten Verdiensten haben, andererseits auch negativ wirken, u.a. durch böswillige Gutachten und Kritik, Moden und Blasenbildungen. Wissenschaftsaktivismus innerhalb der Forscherpopulation, illegitime Methoden beim Kampf um Fördermittel usw. Ggf. werden die Qualitätsstandards, die die Prozeßebene der Wissenschaftstheorie vorschreibt, nicht wirklich durchgesetzt. Ggf. werden Grundwerte und informelle Verhaltensnormen, die man kaum verschriftlichen und formal durchsetzen kann, nicht eingehalten (z.B. Mobbing).
Pseudowissenschaften unterscheiden sich bei den soziologischen Strukturen i.d.R. deutlich von seriösen Wissenschaften, u.a. durch die Existenz von Gurus, deren Gedanken nicht bezweifelt werden dürfen, Tabuthemen, die nicht behandelt werden dürfen, systematisches Versagen der Qualitätssicherung (Beispiel: Sokal Squared) usw. Solche Defekte sind starke Indizien für ein Pseudowissenschaft.
Die deutsche GWUP ist eng vernetzt mit ähnlichen Gesellschaften in anderen Ländern, z.B. der englischen Skeptics Society oder dem Forum für kritisches Denken in der Schweiz.
Einigen Aufruhr inkl. medialem Nachhall hat die "woke Kaperung" der GWUP in diesem Sommer geführt. Der Sprecher des überraschend neu gewählten Vorstands, Holm Gero Hümmler, hat kürzlich dem Verein einen ideologischen Maulkorb angezogen. Er hält Begriffe wie "Woke-Phänomen" oder "Wokismus" für "ideologische Kampfbegriffe [die einen] in die Nähe neurechter Narrative bringen". Er plädiert dafür, Parolen (!!) wie "Es gibt nur zwei Geschlechter" zu lassen. Das sei selbst in der Biologie nur für bestimmte Fragestellungen richtig. Etliche Mitglieder und Beobachter sehen die GWUP inzwischen als grundlegend gefährdet an (HPD, 23.05.2023, HPD, 26.05.2023).
Man kann allenfalls argumentieren, das Verbot bestimmter Forschungsmethoden würde die Qualität einschlägiger Forschungen herabsetzen. Damit wird die Wissenschaft, soweit sie nur mit zulässigen Methoden arbeitet, aber nicht zu einer Pseudowissenschaft.
Daher betrachten wir hier ethische Standards und deren Einhaltung bei der Abgrenzung von Pseudowissenschaft nicht näher.